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Seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte versucht der Mensch den Menschen zu interpretieren - anatomisch, spirituell, existenziell.

Einer der absoluten Meister der bildenden Kunst des Barock, Rembrandt Harmenszoon van Rijn, verschrieb sich diesem Ansatz - der möglichst authentischen Wiedergabe des gesamtheitlichen Seins des Menschen. 

 

„Er ist einzigartig, weil er in jedem Werk immer auf den Kern menschlicher Existenz abhebt, einen bestimmten menschlichen Konflikt, und auch in seinen Auftragswerken ist er von diesem Anspruch niemals abgewichen. Es ist diese absolute Konsequenz, die ihn über die Jahrhunderte hinweg immer zu einem ganz besonderen Künstler gemacht hat, der uns heute unglaublich gegenwärtig erscheint.“     (Thomas Döring, Kurator am Braunschweiger Herzog Anton Ulrich – Museum)

 

Dreihundertfünfzig Jahre nach dem Tod des Künstlers hat die Brisanz seiner Themen; Alter, Verfall und soziale Gewalt nicht an Gewicht verloren. Seine Bilder erzählen von Menschen, die Geschichten in sich tragen, Konflikte ausfechten und innerste Krisen offenbaren. Diese Kunstwerke sind fesselnd und beeindruckend in jeder Hinsicht. 

 

Ein Werk, das die gesellschaftliche Not des Menschen bündelt ist „Die Anatomie des Dr. Tulb“

Rembrandt bannte diesen morbiden gesellschaftlichen Anlass in seiner meisterlichen Art des Geschichtenerzählens auf die Leinwand. 

 

In dem Stück „Die Lektion der Anatomie“ wird die menschliche Seele auf den Seziertisch - die Bühne - geschnallt. Die DarstellerInnen erforschen existenzielle Bedürfnisse des modernen Menschen und teilen mit dem Publikum ihre Erfahrungen einer Suche in moralischen, gesellschaftlichen und persönlichen Abgründen.

Die Studien authentischer Zustände seelischer Befindlichkeiten werden in körperliche Zustände und Bewegungsreaktionen transformiert und durch die Energie der intensiven Körpersprache in einer komprimierten Bühnenwelt, wird die Essenz der behandelten Themen für das Publikum aufgedeckt, sichtbar und fühlbar gemacht.

 

Die Lektion der Anatomie behandelt Themen, die spezifisch für die menschliche Natur sind: die Beziehung zwischen Kindern und Eltern, Paaren und Liebenden und die menschliche Gebrechlichkeit angesichts des sozialen Drucks, der die gesellschaftlichen Anforderungen der Menschen erhöht und die dadurch anfangen Ihre Natur zu vergessen; die Fähigkeit Empathie zu empfinden. 

Hinzu kommt die zunehmende Symbiose mit neuer Technologie. Niemand redet, niemand kommuniziert, jeder ist anonym. Man spricht nicht miteinander oder schaut sich in die Augen. Man hat Angst, "Ich liebe dich“ zu sagen, oder ein bindendes Versprechen abzugeben. 

 

Sechs TänzerInnen filetieren in sieben Stationen diverse Behauptungen von Glück.

Das Streben nach Glück ist wahrscheinlich das größte kulturelle Klischee, das uns umgibt: die massenhaft, in den sozialen Netzwerken geteilten Bilder von übertriebenem Lächeln, die großen musikalischen Hits - die frenetisch gefeiert werden, die glücklichen letzten Epen Hollywoods, die Bücher zur Selbsthilfe oder Semi-mystische Sekten sollen uns helfen, dieses Ziel zu erreichen. Im Internet werden Anweisungen, Tipps oder Wegbeschreibungen zum „Glücklich sein“ immer beliebter. Es gibt viele Angebote, die dank dieser kollektiven Suche entstanden sind und einen eigenen prosperierenden Wirtschaftsmarkt eröffnen. 

Aber was ist Glück, und wenn ja, ist es etwas, das erreicht werden kann?

Es wäre ein langer, kontroverser und ungenauer Prozess, über die Natur des Glücks zu diskutieren - vielleicht, weil sie relativ und flexibel ist und nicht definiert oder abgebildet werden kann. 

Ungeachtet dessen existiert auch eine kulturelle Angst und ein enormer individueller Leistungsdruck, die/der jedem abverlangt glücklich zu sein. Teilweise deshalb, weil Glück als eine gesellschaftliche "Verpflichtung" postuliert und als ein Bestimmungskriterium des Erfolgs oder Reichtums einer Existenz verwendet und oft als Ziel des Lebens verordnet wird. 

Das Gemälde

 

Am hinteren Bühnenabhang ist Rembrandts berühmtes Gemälde "Die Anatomie des Dr. Tulp" zu sehen, das eine Unterrichtsstunde der Anatomie des Dr. Nicolaes Tulp vor einer Chirurgengruppe darstellt. Dr. Tulp erklärt hier die Armmuskulatur eines vor ihm liegenden Toten. Der Körper gehört dem 41 Jahre alten Verbrecher Aris Kindt (Adriaan Adriaanszoon), der am selben Tag wegen bewaffneten Raubüberfalls erhängt wurde. Einige der Zuschauer sind unter anderem Gönner des Künstlers, die für die Anwesenheit ihrer Person in dem Gemälde bezahlt haben.

Die Veranstaltung wird auf den 16. Januar 1632 datiert: Die Bruderschaft der Amsterdamer Chirurgen, deren offizieller Stadtanatom Dr. Tulpe war, erlaubte damals jährlich nur eine öffentliche Dissektion. Diese musste im Winter abgehalten werden, um eine bessere Körperkonservierung zu gewährleisten. Der Körper durfte nur von einem hingerichteter Verbrecher stammen. Aus diesem Grund waren Anatomie-Klassen im 17. Jahrhundert selten und galten als spektakulär. Sie waren ein soziales Ereignis. Sie fanden in Konferenzräumen statt, die eigentlich Theater waren; In diesem Fall war es das Waag, ein "Theater der Anatomie". Studenten, Kollegen und die breite Öffentlichkeit konnten den Unterricht gegen einen Eintrittspreis besuchen. Die Zuschauer waren für solch einen feierlichen gesellschaftlichen Anlass angemessen gekleidet. Es wird angenommen, dass die Zuschauer im Bild mit Ausnahme zweier Figuren - eine im Hintergrund und eine am linken Rand - später dem Gemälde hinzugefügt wurden.

Neben Nicolaes Tulp sind auch die Chirurgen Jacob Blok, Hartman Hartmanszoon, Adraen Slabran, Jacob de Witt, Mathijs Kalkoen, Jacob Koolvelt und Frans Van Loenen vertreten. Ihre Namen sind auf der Liste, die einer von ihnen auf dem Gemälde in der Hand hat.

 

Die Faszination der Anwesenden an dem Sakrileg des „Öffnen eines Menschen“ und am Sitz des Bösen im Menschen spiegelt den damaligen Konflikt der Kirche mit den Wissenschaften sowie den Kampf zwischen Moral und menschlicher Neugier. 

Dieser Mensch war nicht irgendein braver Mitbürger, es war ein Verbrecher, der als Substitut für die Legitimierung dieser Tat, herhielt. 

 

In dem Gemälde fehlt eine für die Szene wichtige Person: der Ersteller, dessen Aufgabe es war, den Körper auf die Dissektion vorzubereiten. Im siebzehnten Jahrhundert war ein wichtiger Wissenschaftler wie Dr. Tulp nicht an der kleinen, blutigen Aufgabe des Sezierens beteiligt, solche Aufgaben wurden anderen überlassen. Aus diesem Grund gibt es in dem Gemälde auch keine Schneideinstrumente. Stattdessen sieht man in der unteren rechten Ecke ein riesiges, offenes Lehrbuch über Anatomie, möglicherweise das „De Humani corporis fabrica“ (Von der Struktur des menschlichen Körpers) von Andres Vesalio aus 1543. 

Die Leiche liegt im Stil des toten Christus mit kadaverartiger Lividität. Das Gesicht der Leiche ist teilweise im Schatten, was auf die Umbra Mortis (Schatten des Todes) hindeutet, eine Technik, die Rembrandt häufig benutzte.

Dieses Werk ist in der oberen rechten Ecke signiert und datiert: REMBRANDT. F [ecit]: 1632. Es ist der erste bekannte Fall, in dem Rembrandt ein Gemälde mit seinem Nachnamen anstelle der Initialen RHL (Rembrandt Harmenszoon von Leiden) signierte und ein Zeichen seines wachsenden künstlerischen Selbstvertrauens.

 

Es ist in jedem Fall so, dass obwohl jede Sektion in der Anatomie systematisch mit einer Ausweidung begann, sich Rembrandt nur auf die Bewegung der Finger und die Anatomie der Hand konzentriert, was ein tiefgehendes Geheimnis birgt.

Das Gemälde zeigt allen, was zu jener Zeit in der Welt des Wissens und der Wissenschaft von zentralem Interesse war: Bewegung. Die Bewegung der Seele (Descartes, damals aus Holland verbannt), Bewegung der Planeten (Galilei ist in Italien strittig) und auch die Bewegung des Körpers.

 

In dem Tanzstück „Die Lektion der Anatomie“ konzentrieren wir uns nicht auf die materielle Obduktion, sondern die Obduktion der Seele, was Themen wie Moral, gesellschaftliche Zwänge und persönliche Ängste in den Vordergrund bringt. Mit den bewegten Körpern der DarstellerInnen werden bewegte Seelen in einem sich ständig verändernden Kosmos gesellschaftlicher Aggregatzustände unter die Lupe genommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bühne

Im Hintergrund der Bühne wird eine übergroße Projektion des Gemäldes projeziert. Dieses Szenario wird das Setting für die folgende Betrachtung der menschlichen Seele, der menschlichsten und intimsten Wünsche, die uns unserem Wesen näher bringen, sein.

 

Eine Nacktszene zu Beginn der Aufführung dient dazu, die Vorstellung zu illustrieren, dass der Mensch sich nicht wirklich so zeigt, wie er ist -  sich hinter Kleidung, Accessoires, Einstellungen versteckt. Der moderne Menschen ist nicht wirklich das, was er mit seiner sozialen Repräsentation behauptet. 

 

Pur Natur

Nackt, frei, rein, ohne Vorurteile, so kommen wir in diese Welt, in diese Existenz. Die Kleidung, die Manieren, die kulturellen Implikationen werden unsere Existenz füllen, einen rohen Diamanten polieren und ihn in ein soziales Wesen verwandeln.

 

Sohn seiner Mutter , Tochter ihres Vaters. 

Die ersten Bindungen, die erste Programmierung, Überprotektion  und Sicherheit, sowie die ersten Ängste werden in abstrakte Bilder übersetzt.

 

Wachsen tut immer weh. 

Die Einsamkeit des Wachsens. Der Prozess des Wachstums in der Einsamkeit. Offen für die Welt, die ersten eigenen Lektionen, die ersten Enttäuschungen.

 

Die Liebe 

Ich denke über dich nach, du reflektierst über mich. Ich gehöre zu dir, du gehörst zu mir. Ich gehöre dir und du gehörst mir. Gute Liebe, schlechte Liebe. Konstruktive Liebe, zerstörerische Liebe. – sind Themen dieses Szenenblocks

 

Der Erfolg 

Du bist verpflichtet erfolgreich zu sein, egal wer dadurch zu Fall gebracht wird.

 

Die traurige Verpflichtung, glücklich zu sein - und die neuen Technologien. 

Die Philosophie vom "glücklich sein um jeden Preis", die Glück zu einer Oberflächlichkeit degradiert, durchzieht unsere moderne Realität. Wir werden ständig unter Druck gesetzt, glücklich zu sein was auch verlangt, dass wir unsere glücklichen/intiemsten Momente in exhibitionistischer Weise in einer digitalen Welt dokumentieren und teilen.

 

Das Stück spricht von existenziellen menschlichen Themen, Beziehungen, Eltern und Kindern, von Liebenden und Hassenden, von Ängsten und sozialem Druck. Wir leben alle in solchen Situationen ohne zu realisieren, ob es das ist, was wir wirklich auf unsere Kinder, Freunde, die Beziehung und unsere Arbeit projezieren wollen. Die Suche nach Erfolg und einem Ort, der uns ein wunderbares und verträumtes Leben verspricht, fängt uns in Wirklichkeit in einem leeren Raum, der uns unserem Leiden und unserer Einsamkeit näher bringt als dem Bild eines glücklichen Menschen. Dieser Illusion unserer Selbstwahrnehmung, der wir alle nachhängen. 

 

Wir sind konditioniert und strukturiert durch Geld und die uns auferlegten Konsumgewohnheiten. Wir leben phagozytiert von der Ökonomie der Akkumulation, die zu Frustration führt. Wir wollen was wir nicht haben oder brauchen. Auf diese Weise manövrieren wir durch die Untiefen unseres Lebens, gefangen auf einem Geisterschiff aus selbst auferlegten Zwängen. Umgeben von kopierten Bildern und Objekten, die uns daran hindern unsere eigene wahre Natur zu  erkennen. Das Individuum.

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