Alte Knacker

Premiere am 19.09.2022
im Irgendwo Kulturzentrum Bremen

 

Von und mit:

Markus Hoft

Valeria Martis 

Günther Grollitsch

                                 

Alter versus Schönheit, Kraft, Vitalität, Lebensenergie, Bewegung.

"Alte Knacker"

Dieser umgangssprachliche Begriff aus dem Deutschen begleitet und beeindruckt mich seit meinem ersten Aufeinandertreffen mit der deutschen Sprache. Die vielen unterschiedlichen Phantasien, die er bei mir auslöste, als ich ihn das erste mal hörte, beschäftigen mich nachhaltig und schüren den Wunsch ihn künstlerisch zu durchleuchten.

 

Zuerst stellt sich mir die Frage, was ist ein Knacker? Darf die Person zu dem Begriff lt. dem bestimmten Artikel ausschließlich männlich sein, oder ist das wie so oft in der Sprachevolution nur  tradierte Fassung? Recherchen zur Überlieferung ergeben, dass der Terminus vermutlich weniger mit dem englischen „knackers yard“ noch mit dem Knacken der Gelenke alter Menschen zu tun hat; obwohl in diesen Vorstellungen durchaus viel theatrales Potential enthalten ist, welches ich nicht „mit dem Bade“ ausschütten wollen würde.

Laut unterschiedlichen Internetseiten kommt der Begriff „Alter Knacker“ aber eher aus der vorindustriellen Weberei. Zur damaligen Zeit wurden meist alte Menschen eingesetzt um das Knackzählwerk für die Garnlänge auf den Garnspulen zu kontrollieren.

Dabei wurde vielleicht auch oft Seemannsgarn gesponnen - um noch einmal in die Umgangssprachenkiste zu greifen.

 

Umgangssprache soll in der Recherche aber nicht nur als Metapher dienen. Der/Die soziale und kulturelle Wert/Schätzung von alten Menschen und im Besonderen alten Menschen in der Kultur und auf der Bühne steht auf dem Prüfstand.

Soll dieser potentiell wertschöpfende Teil der Bevölkerung - wie in der frühen Weberei - an den Rand des Kulturproduktionskreislaufs gestellt werden, oder birgt dieser einzigartige Qualitäten, die es WERT sind ins Zentrum gerückt zu werden? 

Trotz einiger sehr bekannter Beispiele ist das creative Potential aus, auf und um diese/r Personengruppe lange nicht ausgeschöpft.

 

Ein weiterer spannender Recherchezusammenhang liegt in der Beleuchtung des Übergangs von „Mitten im Leben“ hin zu „dem Exil des Alters“. Dieser schleichende Prozess manifestiert sich sehr individuell und wird auch an sehr unterschiedlichen Punkten fest gemacht, aktiv vollzogen oder von außen aufgezwungen. Für den einen ist es das Abnehmen des körperlichen oder geistigen Vermögens, für den anderen das Abebben sozialer Kontakte oder beruflicher Erfolge, etc.

Unterschiedliche Lebensläufe großer und kleinerer Künstler:innen bieten hierzu die Basis für eine reflektorische Aufarbeitung, der als Einstieg oder Zusatz für den kreativen Prozess  dienen kann.

 

Die Begriffe Schönheit, Kraft, Vitalität, Bewegung, etc. bezieht sich meist auf Jugendbilder. Dies will ich konterkarieren und die Aspekte derselben dem Alter zuschreiben. Alte Menschen mit erfahrenem Blick, gereiften Qualitäten und gelebten Körpern sind hier meine Schönheitsideale und sollen in dieser Recherche zum Anker und Angelpunkt für eine neue Bühnenproduktion werden.